Vor meiner Geburt
Heimatvertrieben
 
Mutter, eine unbeugsame Antikommunistin und Wahlverweigerin, hatte drei Kinder allein großgezogen.

24-jährig hatte sie den "Todesmarsch von Breslau" überlebt. Wie hunderttausende Vertriebene, musste sie im Januar 1945 nach der Umzingelung der schlesischen Hauptstadt durch die Rote Armee bei eisiger Kälte mit wenigen Habseligkeiten fliehen und ihre Heimat für immer hinter sich lassen.

Auf der beschwerlichen Flucht hatte Mutter sich um ihren verletzten Vater gekümmert und den Kontakt zu ihren Geschwistern verloren. Diese schafften es bis nach Niedersachsen, für sie und meinen Großvater hingegen endete die Flucht in der Magdeburger Börde, nur etwa 30 Kilometer von der späteren innerdeutschen Grenze entfernt.

Hier ereilte Mutter nach dem Verlust der Heimat schon bald der nächste Schicksalsschlag. Die Russen vor denen sie geflüchtet waren, errichteten gleich nach Kriegsende in unmittelbarer Nähe eine Garnisionsstadt, im Volksmund "Klein-Moskau" genannt.

Die Rote Armee entschied sich zu einer Stationierung wo in den 1930er Jahren mit der Heeresversuchsanstalt einer der größten militärischen Komplexe in Mitteleuropa entstanden war. Hitler hatte an diesem Ort sein geheimstes Projekt, die 1400 Tonnen schwere Riesen-Kanone Dora realisiert, die modernste und gefährlichste Artilleriewaffe der Wehrmacht.

In dem Kasernenkomplex waren teilweise bis zu 50 Tausend Angehörige der sowjetischen Streitkräfte stationiert. Zwar war die Militärstadt abgeriegelt, doch prägten die Manöver das Leben in den umliegenden Gemeinden. Der Panzer-, Geschütz- und Tieffluglärm war ohrenbetäubend.

Der Krieg war für beendet erklärt. Doch für Mutter wurde die erste Friedensweihnacht kein besinnliches Fest mit Strohsternen und bemalten Tannenzapfen am Christbaum und Liedern zur Heiligen Nacht. Sie wurde in den Feiertagen 1945 von mehreren russischen Soldaten vergewaltigt.
Mutter hatte niemanden, dem sie sich hätte anvertrauen können. Von ihren Geschwistern hatte sie zu der Zeit noch kein Lebenszeichen und gegenüber Großvater, der geschwächt von der Flucht aus Schlesien zum Pflegefall wurde, versuchte sie das Geschehene geheimzuhalten.

Die rechtliche Situation in Nachkriegsdeutschland machte es generell für die Polizei unmöglich, Vergewaltigungen aufzuklären. Wenn die Täter aus der Garnisionsstadt einer Besatzungsmacht stammten, war ein Militärgericht zuständig.  

Jungen Frauen, die nach einer Vergewaltigung durch alliierte Soldaten abtreiben wollten, misstraute man. Sie mussten Beweise erbringen, Zeugen benennen und wurden nicht selten als “Soldatenhure” beschimpft und gedemütigt.

Nach Heiligabend zog ein schweres Unwetter mit orkanartigen Böen auf. Mutter sperrte sich ein, hilflos und allein mit ihrer Angst, dem Ekel und dem Hass. Sie schwor sich, dass ihr Kind nie erfahren sollte, was an jenem schicksalhaften Dezembertag so viele Monate nach Kriegsende passiert war.

Im September 1946 presste Mutter ein Mädchen aus dem Leib, die Traumata aber behielt sie aus Scham in sich verborgen.

Nach Krieg, Vertreibung und sexueller Gewalt verlor sie ihren Glauben an Gott, betrat keine Kirche mehr und erwartete keine Seelsorge. Einer alleinstehenden Mutter eines unehelichen Kindes begegneten nicht wenige Dorfbewohner mit offener Verachtung.

Doch war die Rückkehr nach Schlesien keine Option. Breslau war in Schutt und Asche gebombt worden. Ein Großteil der materiellen Hinterlassenschaften der deutschen Herrschaft und Kultur wurde vernichtet. Nicht durch den Krieg zerstörte deutsche Ehrenmale wurden demontiert, Straßennamen umbenannt.

Die alte Heimat war “entdeutscht” (odniemczanie) und “repolonisiert” (repolonizacja) worden, ein Ausdruck der damaligen polnischen Propaganda zur Bekräftigung der These des urpolnischen Charakters Schlesiens und Breslaus als wiedergewonnene Gebiete.