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Familiäre Vorgeschichte
Meine Mutter, Gertrud Magdalena Hohberg, wurde im Februar 1921 in Breslau geboren. Im Januar 1945 musste sie in panischer Angst vor der Roten Armee ihre schlesische Heimat mit ihrem einen Monat zuvor geborenen Sohn Roland und nur wenigen Habseligkeiten verlassen, ohne zu ahnen, dass sie nie wiederkehren würde.

Auf dem sogenannten “Todesmarsch der Breslauer Mütter” bei 20 Grad unter Null und eisigem Wind, notdürftig in einem Handkarren eingebettet, starb ihr erstes Mutterglück. Der Boden war dermaßen hart gefroren, dass Mutter ihren Sohn unter einem Schneehügel bestatten musste.

Ihrem Verlobten Walter hatte sie das gemeinsame Glück am Heiligabend 1944 unter dem Christbaum mit Strohsternen und bemalten Tannenzapfen bei Liedern zur Heiligen Nacht auf den Gabentisch gelegt. Er war auf Weihnachtsurlaub.

Walter Opitz, geboren in Breslau im April 1922, war Bootsmannsmaat auf der M/S “Wilhelm Gustloff”. Vom Untergang des mit Tausenden Flüchtlingen von sowjetischen Torpedos versenkten Passagierschiffs am 30. Januar 1945, erfuhr Mutter erst, nachdem ihre Flucht kurz vor der späteren innerdeutschen Grenze endlich ein Ende fand.

Doch dort ereilte Mutter schon bald der nächste Schicksalsschlag. Die Russen vor denen sie geflüchtet war, errichteten nach Kriegsende in der Magdeburger Börde auf dem Gelände der ehemaligen Heeresversuchsanstalt einen Kasernenkomplex und den Truppenübungsplatz “Magdeburgski Poligon”.
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Sie spielte mit dem Gedanken nach Schlesien zurückzukehren. Doch ihre Heimatstadt, während des Krieges weitab der Frontlinie und außerhalb der Reichweite der alliierten Luftwaffe, war nach Monaten der Agonie in Schutt und Asche gebombt worden. Ein Großteil der materiellen Hinterlassenschaften der deutschen Herrschaft und Kultur wurde vernichtet.

In Übereinstimmung mit den Beschlüssen der Alliierten in Jalta sollte Schlesien an Polen fallen, als Kompensation für die Gebiete in Ostpolen, die von Russland besetzt wurden. Nicht durch den Krieg zerstörte deutsche Ehrenmale wurden demontiert, Straßennamen umbenannt.

Mutter harrte aus und wartete ein halbes Jahr nach Kriegsende noch immer auf ein Lebenszeichen ihres geliebten Walter, der als vermisst galt. Sie wusste nicht, wie es ihren Geschwistern Hilde und Hans ergangen war und warum ihr Vater Fritz noch nicht von der Front zurückkehrte.

Für Mutter wurde die erste Friedensweihnacht kein besinnliches Fest. Sie wurde von Soldaten der Roten Armee der benachbarten Garnisonsstadt, im Volksmund “Klein-Moskau” genannt, vergewaltigt.

Es herrschte Besatzerrecht, die Gewalt von Angehörigen der sowjetischen Streitkräfte gegenüber germanischen Frauen wurde vom Militärkommando nicht als Verbrechen angesehen. Frauen und selbst junge Mädchen galten als rechtmäßige Beute der Befreier.

Frauen, die nach einer Vergewaltigung durch alliierte Soldaten abtreiben wollten, misstraute man. Sie mussten Beweise erbringen, Zeugen benennen und wurden nicht selten als “Soldatenhure” beschimpft und gedemütigt.

Im Dorf war niemand, dem Mutter sich hätte anvertrauen können. Auch ihrem Vater sagte sie nichts, als er seine schwangere Tochter nach der langen Trennung erstmals wieder umarmen konnte. Vater und Tochter unterwarfen sich dem Schweigegebot. Jeder behielt die Grausamkeit des Erlebten für sich.

Gudrun Gerhild Maria Hohberg, die im September 1946 in der Nähe des Kasernenkomplexes zur Welt kam, in dem teilweise bis zu 50 Tausend Angehörige der sowjetischen Streitkräfte stationiert waren, sollte nie etwas über ihre Herkunft erfahren.

Mutter hatte nach Krieg, Vertreibung und sexueller Gewalt ihren Glauben an Gott verloren. Einer alleinstehenden Mutter eines unehelichen Kindes begegneten nicht wenige Dorfbewohner mit offener Verachtung. Doch sie betrat keine Kirche mehr und erwartete keine Seelsorge.

Die Frage, wie ihr Walter darauf reagieren werde, wenn er sie statt mit ihrem gemeinsamen Sohn, mit einer vom Feind gezeugten Tochter antreffen wird, stellte sich bald nicht mehr. Er galt fünf Jahre nach dem Untergang der “Gustloff” im eisigen Baltischen Meer nicht mehr als vermisst, sondern offiziell als ertrunken.

Zwei Monate vor den ersten Volkskammerwahlen der im Jahr zuvor gegründeten DDR, wurde Mutter erneut von Angehörigen der sowjetischen Befreiungsarmee vergewaltigt. Im stillen Protest verweigerte sie die Beteiligung an den Wahlen, was in einer Gemeinde mit weniger als Tausend Einwohnern nicht unbemerkt blieb.

Peter Michael Hohberg wurde im Juni 1951 geboren. Im Dorf aber nannte man ihn “Piotr Michailowitsch - der Russenjunge”. Anders als seine 5 Jahre ältere Schwester zeigte er sich später nur wenig an der Geschichte seiner Herkunft interessiert.

Als Peter zwei Jahre alt war und seine Schwester Gudrun sechs, wurde ihr Großvater von der Polizei abgeholt. Fritz Hohberg wurde beim Volksaufstand vom 17. Juni 1953 als Aufwiegler verhaftet. Mutter beteiligte sich auch 1954 und 1958 nicht an den Wahlen.
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Kindheit und Jugend
“Du wurdest dem Mielke in die Wiege gelegt!” - Mehr hat mir Opa Fritz auf die Frage zu meiner Herkunft nicht preisgeben wollen.

Geboren wurde ich im März 1960 in der Nähe von “Klein Moskau”. Zwar habe auch ich meinen Vater nicht zu Gesicht bekommen, doch stand in meiner Geburtsurkunde ein Name und nicht: “Vater unbekannt”.

Mutter arbeitete tagsüber im Liliput-Werk und montierte Kinderräder, mit denen ich nur auf dem Werkhof ein paar Runden drehen durfte. Weil mein Vater keinen Unterhalt zahlte, musste Mutter nach Feierabend in der Dorfgaststätte zusätzlich Geld verdienen.

Meine 14 Jahre ältere Schwester wohnte in einem Studentenwohnheim und machte später in Margot Honeckers Ministerium für Volksbildung Karriere. Wenn sie zu Besuch kam, bedrängte sie Mutter, ihr endlich zu sagen wer ihr Vater ist. Trotz des ständigen Streits mit unserer Mutter, die sie manchmal “Staatsfeindin” nannte, sah ich in meiner Schwester ein Vorbild.

Auch mein Bruder war sehr gut in der Schule. Doch wurde er in den Sommerferien plötzlich abgeholt und in die Nervenheilanstalt gebracht. Über die Gründe der Einweisung bekam Mutter keine Auskunft. Jetzt ist der “Russenjunge” in der “Klapsmühle”, hänselte man mich im Dorf.

Sonntags fuhren Mutter und ich zu den Besuchszeiten mit dem Bus nach Haldensleben. Manchmal machte ich mich mit dem Fahrrad allein auf den Weg um meinem Bruder Essen zu bringen. Dann fragte Mutter immer, wieviel Kilo er wieder zu- oder abgenommen hatte. Im Gegensatz zu anderen Patienten zeigte mein Bruder keinerlei Anzeichen von psychischen Störungen, jedoch extreme Gewichtsschwankungen.

Wenn er aus der Anstalt flüchtete und bei uns zu Hause Unterschlupf suchte, stand schon bald die Polizei vor der Tür. Mutter weinte hilflos und auch ich war jedesmal traurig wenn sie meinen Bruder aus der Wohnung zerrten.

Großvater wurde für mich zum engsten Vertrauten, aber ich durfte ihn nur heimlich besuchen. Er wohnte in einem engen, verrauchten Zimmer auf der anderen Straßenseite, hinter stets geschlossenen Fenstervorhängen, ohne Kontakt zu den anderen Dorfbewohnern.

Meine Schulkameraden meinten, er würde sich vor den Sowjetsoldaten verstecken, weil er dem Hitler ähnlich sah. Der Sattlermeister erzählte, Opa Fritz hätte in der Dorfkneipe die Rote Armee als “bolschewistische Bestien” verflucht.

Stolz erzählte ich Großvater, dass die Freundschaft mit den Kindern der Sowjetunion und aller Länder zu den Geboten der Jungpioniere gehörte und ich gelernt hatte, dass man zu Freundschaft im Russischen Druschba sagt.

Zu offiziellen Anlässen durften wir Schüler die benachbarte Garnisonsstadt besuchen. Als die erste russische Kosmonautin im All, Valentina Tereschkowa nach “Klein-Moskau” kam, hatten wir ihr auf dem Leninplatz an der Seite friedlicher sowjetischer Soldaten mit bunten Fähnchen zugewinkt.

Großvater erwiderte, dass früher auf diesem Gelände die Heeresversuchsanstalt entstanden war, einer der größten militärischen Komplexe in Mitteleuropa, und dass die Rote Armee die Gebäude nach dem Krieg nur überstrichen hatte.

Dann vertraute er mir ein Geheimnis an: “An diesem Ort”, flüsterte er, “hatte Hitler sein geheimstes Projekt, die 1400 Tonnen schwere Riesen-Kanone Dora realisiert, die modernste und gefährlichste Artilleriewaffe der Wehrmacht.”
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