• Roland Hohberg

Der neunte Tag im November

Ein Datum das für die deutsche Geschichte große Bedeutung hat.


Ein Gedenktag, der nie Feiertag sein durfte.


Am 9.11.1918 stürzten demokratische Kräfte das deutsche Kaiserreich.


Am 9.11.1938 fanden die schlimmsten Verbrechen der deutschen Geschichte, in der Reichskristallnacht, einen ersten Höhepunkt.


Am 9.11.1989 bereitete die Öffnung der Staatsgrenze der DDR den Weg zur Wiedervereinigung Deutschlands.


Für das was vor 31 Jahren die Erfüllung eines deutschen Traums wurde, haben viele ihr Leben riskiert und mancher hat es verloren.


Mutter hatte versucht mit mir zu flüchten als die Mauer gebaut wurde und ich grad laufen lernte.


Der in meiner Geburtsurkunde als mein Vater eingetragene Genosse G. hatte ihre Pläne verraten, wurde ein erfolgreicher Geschäftsmann und brauchte fortan keinen Unterhalt bezahlen.


Mit 14 Jahren stand ich ihm an einem kalten Dezembertag ein einziges Mal gegenüber. Die Begegnung dauerte nur wenige Sekunden, dann schlug er seine Haustür vor mir zu.


Doch behielt ich seinen kalten Blick wie zur Fratze kommunistischer Diktatur gemeißelt für immer im Gedächtnis.


Wenige Jahre später verboten mir die Erichs das Studium und ich stellte meinen Ausreiseantrag.


Wenn die Einberufungsuntersuchungen zum Armeedienst näherrückten, tröpfelte ich mir etwas Säure in das linke Auge und wurde irgendwann ganz ausgemustert. Ein Blick in den Spiegel genügt, um mich auch noch heute zu erinnern.


Arbeitslos und über Jahre von diesem menschenverachtenden, autoritären System gequält, plante auch ich die Flucht.


Dann kam mein erster Sohn auf die Welt und ich verwarf meine Fluchtpläne.


Doch meinen Ausreiseantrag zog ich nicht zurück. Auch nicht, als mich die Stasi zu erpressen versuchte und ich meinen Sohn nach seinem ersten Geburtstag nicht mehr sehen durfte.


Der Westen war für mich nicht das Ziel. Ich wollte in den Süden, möglichst weit weg, um zu vergessen und in der Ferne etwas aufzubauen für mich, meine Mutter und eventuell für meinen Sohn.


Dann plötzlich zog dieser 9. November alles ins Banale.


Von einem Tag auf den anderen hieß es: DU BIST FREI! Geh wohin du willst! Sie werden dich nicht einsperren, nicht foltern, nicht erschießen.


Nun lebe ich hier, ohne meine Mutter, ohne meinen Sohn. Aber mit meinen Kindern und Enkelkindern.


Ich habe meine Wohnung und meine Habseligkeiten verloren, doch in einem Dorf irgendwo in Afrika ein Haus gebaut und Bananen und Mangobäume angepflanzt.


Möge auch Deutschland eines Tages seine Diktaturen überwinden!