• Roland Hohberg

Fake News der Leipziger Volkszeitung


Im Juli 2018 veröffentlichte die Leipziger Volkszeitung einen Beitrag über Opfer rassistischer Gewalt in der DDR. Wie bei vielen anderen deutsche Medienberichten zu diesem Thema steht bei der LVZ-Veröffentlichung der 1986 vermeintlich von Neonazis ermordete mosambikanische Vertragsarbeiter Manuel Diogo im Mittelpunkt.


Der aber kam, wie Aussagen seiner ehemaligen Arbeitskollegen bestätigen, nicht durch ein Tötungsverbrechen, sondern bei einem tragischen Unglücksfall auf einer Bahnstrecke im damaligen Bezirk Halle ums Leben.


Gemeinsam hatte Manuel Diogo mit Kollegen und Freunden den Sonntag in Dessau verbracht und das WM-Finale Deutschland - Argentinien verfolgt. Danach ging es mit dem Zug zurück ins Wohnheim.


Doch in Deutschland will niemand die Aussagen der zur Wende abgeschobenen Mosambikaner zur Kenntnis nehmen, die mit ihm bis kurz vor dem Unglück im Zugabteil saßen und deren Zeugenaussagen die polizeiliche Ermittlungen von 1986 bestätigen.


Doch damit nicht genug, die ehemaligen Freunde des Opfers werden jetzt in Deutschland als Lügner bezeichnet. Lucas Nzango, einer von Diogos Kollegen, wurde nach der Veröffentlichung eines Youtube-Videos von der Internationalen Tagung "Respekt und Anerkennung" im Februar 2019 in Magdeburg ausgeladen.



Das Interview mit dem ehemaligen Arbeitskollegen von Manuel Diogo führte ich im ICMA MAPUTO. Wenige Tage nach der Veröffentlichung des Videos wurde das Reintegrationszentrum der seit Jahrzehnten als Madgermanes bekannten DDR-Rückkehrer geschlossen.


Zeitgleich verschwanden bei einem Diebstahl in meinem Haus ausgerechnet die Videokamera und der Computer zur Videobearbeitung.


Nachdem ich später die von der Staatsanwaltschaft Potsdam in Auftrag gegeben Ermittlungen im Fall Diogo unterstütze und deutschen Journalisten bei der Recherche half, musste ich mich als Fürsprecher der diskriminierten Mosambikaner nach einem weiteren Überfall in meinem Haus anderswo in Sicherheit bringen.


Wohl auch, weil ich 2017 als Leiter des ICMA im Auftrag des MDR in Maputo Interviews zum vermeintlichen Tötungsverbrechen durch Neonazis führte, die dann aber nicht in das vorgefertigte Konzept der Produzenten der öffentlich-rechtlichen Medienanstalt passten.

2017: Vor dem MDR-Interview mit RENAMO-Sprecher Muchanga (Foto: R. Hohberg)


Der Freund des Bundespräsidenten


Die Veröffentlichung der Leipziger Volkszeitung vom Juli 2018 basiert auf der ein Jahr zuvor durch den MDR verbreiteten reißerischen Story der Filmemacher Christian Bergmann und Tom Fugmann und den Aussagen des in Berlin lebenden mosambikanischen Buchautors Ibraimo Alberto. Dieser hatte in aller Dreistigkeit behauptet, am Tag des Unglücks von Manuel Diogo mit ihm in Berlin zusammengewesen zu sein.


Schon vorher hatte sich der vermeintliche Zeuge Ibraimo Alberto bei öffentlichen Veranstaltungen und in zahlreichen Medien selbst als Opfer rechtsextremistischer Anfeindungen verkauft und ist für seinen Einsatz gegen Rassismus unter anderem als „Botschafter für Demokratie und Toleranz“ ausgezeichnet worden.


Zu den Ehren, die dem ehemaligen Vertragsarbeiter zuteil wurden gehörten eine Stelle als Ausländerbeauftragter in Schwedt und die Einladung des Bundespräsidenten zum gemeinsamen Flug nach Mosambik.


Ibraimo Alberto erzählte dem damaligen Bundesaußenminister, den deutschen Medien und bei Veranstaltungen zur Verteilung staatlicher Förderung, auch gern seine ebenso erlogene Geschichte vom gemeinsamen Flug mit seinem Jugendfreund Manuel Diogo 1981 in die DDR.


Mir gegenüber korrigierte er seine Darstellung bei unserem Treffen in Berlin, als ihm bewusst wurde, dass ich viele Kollegen von Manuel Diogo kenne, die damals mit ihm in die DDR geflogen sind, eng mit ihm befreundet waren, aber keinen Ibraimo Alberto kennen.


Im September 2018 hatte ich auf einer Deutschlandreise zur Vorbereitung der Magdeburger Tagung Ibraimo Alberto und seine Lebenspartnerin Julia Oelkers kennengelernt.

2018 mit Ibraimo Alberto in Berlin (Foto: R. Hohberg)


Eine Tagung zur Geschichtsfälschung


Einen Monat später wurde auch ich, 1991 Gründer der ersten Rückkehrervereinigung in Mosambik, von der Internationalen Tagung über die gescheiterte Reintegration der ehemaligen Vertragsarbeiter ausgeladen.


Diesmal allerdings nicht wie bei der Wittenberger Tagung 2004, dem Jahr der Besetzung der Deutschen Botschaft Maputo, nach meinen Anzeigen wegen Korruption und Diskriminierung der DDR-Rückkehrer, sondern aufgrund meiner Hautfarbe.


"Das Vorbereitungs-Team hat entschieden, dass kein weißer Deutscher für die Vertragsarbeiter oder Madgermanes sprechen wird.", hieß es in der E-Mail von Tagungsleiter Hans-Joachim Doering vom 30.10.2018.


Zum Vorbereitungs-Team gehörten Ibraimo Alberto, bekennender Anhänger der jahrelang mit heimlicher Bundeshilfe mordenden rechten Terrororganisation RENAMO, und Julia Oelkers, die 2020 und 2021 gleich zweimal für Beiträge rechter Gewalt mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet wurde.


Beide schufen sich so auf einer staatlich finanzierten Veranstaltung erneut eine Bühne zur Verbreitung ihrer Lügengeschichten, die dann auch noch, finanziert von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktaur, als Tagungsband veröffentlicht wurden.


Der Strategie und rassistischen Einstellung der Veranstalter entsprechend, nahmen an der Magdeburger Tagung aus Mosambik nur dunkelhäutige Parteimitglieder der RENAMO teil.


Die in Mosambik als "RENAMO-Marionetten" und "Befehlsempfänger der Deutschen Botschaft" verrufene Gruppierung von nicht mehr als Hundert ehemaligen Vertragsarbeitern, die trotz jahrelanger Finanzierung nicht mal über ein Büro verfügt, ist in Deutschland hoch angesehen.


Die Gruppe setzt sich seit drei Jahrzehnten in den Straßen Maputos mit ihrer Hetze gegen die mosambikanische Regierung und nicht selten mit gewalttätigen Ausschreitungen dafür ein, dass die deutsche Verantwortung bei der Verletzung der Menschenrechte der Madgermanes ganz aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwindet.


So gab es auch bei der Tagung in Magdeburg keinen Einspruch, als der Persönliche Afrika-Beauftragte der Bundeskanzlerin, Günter Nooke, im Februar 2019 erneut betonte, die gescheiterte Reintegration der Madgermanes sei eine "innermosambikanische Angelegenheit".


Mit Bezug auf die nach seiner Auffassung unberechtigte Forderung der Rückzahlung ihrer Lohnabzüge, erklärte der Christdemokrat gegenüber dem Deutschlandfunk: "Da können wir jetzt nicht so tun - wenn ein Staat etwas nicht macht - dann springt immer der große, reiche Onkel aus dem Westen ein. Das funktioniert nicht."


Eine klare Botschaft an die RENAMO-Kämpfer zur Fortsetzung der Gewalt und der Verfolgung kritischer Stimmen in Mosambik.


In Deutschland wird das "gemischte Doppel" Oelkers/Alberto weiterhin eine Öffentlichkeit finden, Geschichten wie die des "Nazi-Opfers" Manuel Diogo zu verkaufen.


Die Fake News der LVZ, wie die vieler anderer Online-Ausgaben deutscher Zeitungen, wurden bis heute nicht gelöscht.


Auch vom MDR steht eine Richtigstellung und öffentliche Entschuldigung an die Hinterbliebenen und Freunde Manuel Diogos bis heute aus.