• Roland Hohberg

Ich war grad 11

An meinem 11. Geburtstag lernte ich endlich Tante Hildegard und Onkel Hans kennen. Die Westverwandten waren aus Hannover rübergekommen, wie man damals sagte, um mir zu gratulieren.


Das Geburtstagsgeschenk, eine Zündplättchenpistole, die begehrte Spielzeugwaffe mit den räuchernden Knallblättchen, und das passende Cowboykostüm, hatte der DDR-Zoll zuvor aus dem Westpaket entwendet.


Stattdessen fanden wir einen Zettel: "Spielzeug mit militärischem Charakter wurde beschlagnahmt."


Mutter war wütend und ich untröstlich. Sie sagte: "Die Dinge hat irgendein Zöllner seinem Kind geschenkt."


Doch nicht nur das war Thema während des ersten mehrstündigen Besuchs der Westverwandten.

Konspiratives Treffen anlässlich meines 11. Geburtstags


Dem feinen Netz aus Misstrauen, Kontrolle und Angst des Mielke-Ministeriums war das konspirative Treffen auf der Ostseite der innerdeutschen Grenze natürlich nicht entgangen.


Auf der Flucht vor der Roten Armee waren meine Mutter und ihre Schwester im Januar 1945 nach der Umzingelung der schlesischen Hauptstadt getrennt worden.


Auf dem "Todesmarsch von Breslau" bei eisiger Kälte mit wenigen Habseligkeiten schaffte Tante Hildegard es bis nach Niedersachsen.


Für Mutter und meinen schwerverletzten Großvater aber endete die Flucht in der Magdeburger Börde, nur etwa 30 Kilometer von der innerdeutschen Grenze entfernt.


Ausgerechnet hier errichteten die Russen dann eine Garnisonsstadt, im Volksmund "Klein-Moskau" genannt. In dem Kasernenkomplex waren teilweise bis zu 50 Tausend Angehörige der sowjetischen Streitkräfte stationiert.


Mit der wachsenden strategischen Bedeutung des Militärkomplexes nach Unterzeichnung des Warschauer Vertrags, wurde die Bewegungsfreiheit der Zivilbevölkerung in den umliegenden Gemeinden weiter eingeschränkt.


So stellten sich immer mehr Dorfbewohner in den Dienst des Ministeriums für Staatssicherheit.


Nach der langen Trennung und ihrem Briefwechsel hatten die beiden Breslauerinnen viel zu erzählen.


Die Stasi hörte so manches mit und zeichnete es auf, wie ich 35 Jahre später bei der Akteneinsicht in Berlin herausfand.


Beim gemeinsamen Besuch des Grabs von Großvater auf dem Friedhof im Dorf meiner Kindheit schafften es die Stasileute jedoch nicht, sich den beiden antikommunistischen Staatsfeindinnen ausreichend zu nähern.


Großvater war zwei Jahre zuvor durch eine Giftspritze getötet worden. Während des Volksaufstands im Juni 1953 wurde er von sowjetischen Militärs und der Volkspolizei als Anführer der Proteste im Dorf gefoltert und danach aus dem Gemeindeleben ausgegrenzt.


Dass er hinter stets geschlossenen Fenstervorhängen über die "bolschewistischen Bestien" fluchte und sich nicht auf die Straße traute, erklärte ich mir als Kind damit, dass er sich vor den Sowjetsoldaten versteckte weil er so viel Ähnlichkeit mit dem Führer hatte.


Nicht umsonst verspottete mich unser Klassenlehrer im Unterricht auch nach Großvaters Tod als "Enkel von Hitlers Fritz".


Erst kurz vor meiner Geburt hatte Mutter endlich ein Lebenszeichen von ihrer Schwester auf der anderen Seite der Grenze bekommen.


Sie wollte fliehen und hatte sich meinem Vater anvertraut, ohne zu wissen, dass auch der Genosse Guderian für Mielke spionierte.


Auch wenn er als staatstreuer Spion keinen Unterhalt für mich zahlen brauchte und es für Mutter schwierig war, meine ebenfalls vaterlosen Geschwister und mich allein großzuziehen, bin ich doch froh, ohne Vater aufgewachsen zu sein.